François Morellet
3. Kunstflâneur ’26
In diesem Jahr wäre der französische Künstler François Morellet (1926-2016) hundert Jahre alt geworden. Zu diesem Jubiläum werden in Frankreich zahlreiche Ausstellungen gezeigt (100xMorellet).
Auch in Hamburg ist eine Wandarbeit von Morellet zu sehen: „All-Over Strukturen“, 1976 in der Mensa der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg die als Kunst am Bau-Werk entstanden ist. Anfang der 1970er Jahre wurden auf Initiative des damaligen Verteidigungsministers Helmut Schmidt zwei Bundeswehruniversitäten in Deutschland gegründet. Mit dem Bau des Campus in Hamburg wurde das Architekturbüro Heinle, Wischer und Partner beauftragt. Die markante Architektur umfasst einen zweigeschossigen kubischen Pavillon, in dessen aufgeständertem ersten Obergeschoss sich der Speisesaal mit einer komplett verglasten Fassade befindet. Morellet wurde beauftragt, den oktogonalen Kern der Mensa, der die funktionalen Bereiche beherbergt, in beiden Geschossen künstlerisch zu gestalten. Seine Arbeit aus Email auf Stahlblech umfasst den gesamten Innenbereich der Mensa sowie Teile der Erdgeschossfassade und zeigt in einem geordneten Verlauf rote Linien und Kreuzformen auf blauem Grund.
Morellet arbeitete mit grundlegenden geometrischen Formen und verwendete in seinen Gemälden, kinetischen Skulpturen und Lichtinstallationen einen radikalen Ansatz zur geometrischen Abstraktion. In den 1940er Jahren wandte sich Morellet der Abstraktion zu, nachdem er das Werk von Mondrian und Max Bill entdeckt hatte. Seine Arbeit zielte darauf ab, den kreativen Prozess zu kontrollieren und die romantische Idee der Kunst und des "inspirierten" Künstlers zu entmystifizieren; stattdessen strebte er nach rigoroser Objektivität und persönlicher Distanzierung. Neben zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland war Morellet dreimaliger documenta-Teilnehmer und auf der Biennale von Venedig (1970 und 1990) vertreten.
Kennengelernt habe ich Morellet Mitte der 1990er Jahre, als ich die Kunst am Bau-Wettbewerbe für die Regierungsneubauten in Berlin koordinierte. Die Neoninstallation „Haute et basse tension“ (1999/2001) für das Paul-Löbe- und Marie-Elisabeth-Lüders-Haus war hingegen ein Direktauftrag.
Dass die bildende Kunst im Deutschen Bundestag eine wichtige Rolle spielt ist besonders der früheren Bundestagspräsidentin Prof. Dr. Rita Süssmuth zu verdanken, die damals den Kunstausschuss leitete, und sich sehr für die bildende Kunst engagierte.