Annette Venebrügge
16. Kunstflâneur ’26
In der Betriebskantine des Ziviljustizgebäudes fand vor fast 30 Jahren die temporäre Kunstaktion „mundgerecht – Kunst in vier Hamburger Kantinen“ statt. Sie wurde von den Künstler:innen Tonia Kudrass, Thomas Stordel und Annette Venebrügge initiiert und lief vom 8. bis zum 30. Oktober 1997 in den Kantinen von Siemens, Unilever, der Hanse-Merkur Versicherungsgruppe und des Ziviljustizgebäudes. In den „betriebsinternen Personalspeisungsstätten“, wie sie im Amtsdeutsch heißen, wurden kontextbezogene Arbeiten von zehn Künstler:innen gezeigt, die mit ihren Werken in die Alltagssituation der jeweiligen Orte eingriffen.
In der Kantine des Ziviljustizgebäudes am Sievekingsplatz zeigte die Hamburger Künstlerin Annette Venebrügge (*1958) drei Wochen lang ihre Installation „Ordnung halten“. 490 Frühstücksbeutel wurden zu sieben Vorhängen zusammengenäht und in einer gleichmäßigen, strengen Anordnung aufgehängt. In diesen Papierbeuteln steckten farbige, zum Teil mit Großbuchstaben bedruckte Papiere. Die Papierbahnen erstreckten sich über die gesamte, etwa zwanzig Meter lange Fensterfront der Kantine. Dabei setzten sich die einzelnen Buchstaben zu Sätzen wie „Voller Bauch studiert nicht gern“ oder „Fett schwimmt oben“ zusammen, die auf volkstümliche Grundsätze zurückgingen. Diese Regeln wirkten wie Zitate aus einem kleinbürgerlichen Gesetzbuch, das in Küchen geschrieben wurde, in denen Recht und Ordnung herrschen.
In ihren Arbeiten verbindet Annette Venebrügge häufig Alltagsmaterialien mit künstlerischen Ideen und schafft daraus sinnliche Objekte und Installationen an ungewöhnlichen Orten.